Sufismus

Das oberste Ziel der Sufis ist, Gott so nahe zu kommen wie möglich und dabei die eigenen Wünsche zurückzulassen. Dabei wird Gott bzw. die Wahrheit als “der Geliebte” erfahren. Der Kern des Sufismus ist demnach die innere Beziehung zwischen “Liebendem” (Sufi) und “Geliebtem” (Gott). Durch die Liebe wird der Sufi zu Gott geführt, wobei der Suchende danach strebt, die Wahrheit schon in diesem Leben zu erfahren und nicht erst auf das Jenseits zu warten. Dies spiegelt sich im Prinzip “Sterben bevor man stirbt” wider, das überall im Sufismus verfolgt wird.  Hierzu versuchen die Sufis die Triebe der niederen Seele so zu bekämpfen, dass sie in positive Eigenschaften umgeformt werden. Auf diese Weise kann man einzelne Stationen durchlaufen, deren höchste die reine Seele ist. Diese letzte Stufe bleibt jedoch den Propheten und vollkommenen Heiligen vorbehalten.


Für den Sufi ist es wichtiger die Wahrheit mit dem Herzen zu erfahren,, als sie nur intellektuell zu erfassen.  Gemäß dem Grundsatz “Den Glauben sieht man in den Taten” ist es für den Sufi entscheidend, oft eher mit gutem Beispiel in der Welt aufzutreten als über den Glauben nur zu reden. Darüberhinaus ist Aufrichtigkeit unentbehrlich und man sollte versuchen nach außen hin so rein zu werden, wie man es auch nach innen hin anstrebt.

Der Sheikh
In der sufischen Tradition ist es wichtig, dass das Wissen durch eine lebendige Linie übertragen wird, deshalb ist es für einen Derwisch unerlässlich, sich der geistigen Führung eines Sheikhs (Meister) anzuvertrauen, der durch eine Überlieferungskette bis über den Propheten Muhammed (sas) mit der göttlichen Wissensquelle verbunden ist. Der Sheikh leitet in gemeinsamen Zusammenkünften mit seinen Derwischen nicht nur den Dhikr, sondern er gibt jedem seiner Schüler meist auch individuelle spirituelle Übungen, die dem Stand des einzelnen Derwischs entsprechen.

Entgegen der Meinung von Sufismus-Kritikern wird ein authentischer Sheikh nie die Personenverehrung fördern. Er zieht zwar als Lehrer die Aufmerksamkeit auf sich, aber dann wird er von sich weg, hin zum Ewigen (Allah) weisen.

Die Liebe
Der Mittelpunkt der sufischen Lehre ist die Liebe, die immer im Sinne von Hinwendung zu Gott zu verstehen ist. Die Sufis glauben, dass sich die Liebe in der Projektion der göttlichen Essenz auf das Universum ausdrückt. Dies lässt sich oftmals in den berauschten Gedichten vieler islamischer Mystiker erkennen, die die Gottesliebe besingen. Da die poetischen Werke oft mit Metaphern durchsetzt sind, wurden sie in der Geschichte oft von islamischen Rechtsgelehrten argwöhnisch betrachtet. So wird beispielsweise der Suchende als vom Wein berauscht beschrieben. Der Wein steht jedoch in Wirklichkeit für die Liebe Gottes, der Sheikh für den Mundschenk und der Derwisch für das Glas, das mit der Liebe gefüllt wird, um zu den Menschen getragen zu werden. Zu den herausragenden Dichtern gehören unter anderen Rumi, Hafis, Nizami, Saadi. Auch der große Goethe befasste sich mit deren Werken und brachte seine Bewunderung in verschiedenen Gedichten zum Ausdruck ( West-östlicher Diwan)

Dhikr
Die Sufis suchen durch tägliche regelmäßige Meditation (Dhikr, Gedenken an Gott) Gott nahe zu kommen. Sie glauben , dass Gott in jeden Menschen einen göttlichen Funken gelegt hat, der im tiefsten Herzen verborgen ist. Gleichzeitig wird dieser Funke auch durch die Liebe zu allem, was nicht Gott ist, verschleiert, genauso wie durch die Aufmerksamkeit gegenüber Banalitäten der materiellen Welt, sowie durch Achtlosigkeit und Vergesslichkeit. Laut dem Propheten Muhammed (sas)  sagt Gott zu den Menschen: “ Es gibt siebzigtausend Schleier zwischen euch und Mir, aber keinen zwischen Mir und euch.”

Durch den Dhikr erhält der Suchende nicht zuletzt die Möglichkeit, das Göttliche in sich zu finden bzw. wiederzuentdecken. Beim Dhikr wiederholt der Sufi u.a. die schönen Namen Gottes, Stellen aus dem Qur`an oder andere heilige Formeln. Die heiligen Gesänge  (Mantren) werden oft musikalisch begleitet, denn Musik ist die Sprache der Herzen und Ausdruck der Seele und ebenfalls ein Weg zu Gott.

Einflüsse
Der Einfluss des Sufismus blieb nicht nur auf die muslimische Welt beschränkt, sondern erreichte unter anderem die Weltliteratur, die Musik und viele Kulturen Süd- und Osteuropas. Konzepte wie die romantische Liebe und die Ritterlichkeit wurden vom Westen übernommen, als Europa mit den Sufis in Kontakt kam. Der Einfluss des Gedankenguts islamischer Mystiker auf die westliche Kultur ist weitreichend. So bestätigt beispeilsweise Cervantes selbst, dass sein “Don Quijote” sufistische Wurzeln hat. Auch die Entwicklung der europäischen Theosophie war teilweise durch den Kontakt mit dem Sufismus geprägt.
Der große Goethe befaßte sich ebenfalls mit den Dichtungen der islamischen Mystiker und brachte seine Bewunderung in verschieden Werken zum Ausdruck ( z.B.West-oestlicher Diwan).
So lautet ein bekanntes Zitat von ihm:
Wenn Islam Gottergebenheit heißt, im Islam leben und sterben wir alle.